Mittwoch, 3. Dezember 2014

Unerzogen – Was es ist und nicht ist.



Dieser Post greift vieles auf, das in einer Diskussion in einer Eltern-Gruppe auf Facebook vor bald einem Jahr geschrieben wurde. Hiermit ein riesengroßes Danke an alle, die mitdiskutiert haben. Es ist selten, dass Internet-Diskussionen trotz Reizthema und durchaus provokanten Äußerungen so konstruktiv verlaufen.

Schon das Wort „unerzogen“ ist provokant. Es ist provokant, Erziehung zu kritisieren und sich bzw. die eigenen Kinder stattdessen als „unerzogen“ zu bezeichnen. Unerzogen wird sehr häufig mit antiautoritärer Erziehung gleichgesetzt. Aber letzteres ist eben ein Erziehungsstil, wohingehen „Unerzogen“ der bewusste Verzicht auf Erziehung ist. Wie ich in meinem letzten Post schrieb, liegt Erziehung der (bewusste oder unbewusste) Glaube zu Grunde, dass Heranwachsende so, wie sie sind, nicht richtig seien, und sie erst einmal viele Jahre des Zurechtgezogen-Werdens hinter sich bringen müssten, um als „vollwertige“ Teile der Gesellschaft zu gelten und entsprechend respektiert zu werden. Kinder sollen dabei schon früh mit Regeln konfrontiert werden und so mit diesen umgehen lernen. Genauso sollen sie früh mit anderen Dingen konfrontiert werden, wie z. B. mit Frustration und Konsequenzen (Strafen), was sie wieder auf das Leben vorbereiten soll. (Wobei antiautoritäre Erziehung da eine Ausnahme bildet, auf die ich weiter unten etwas mehr eingehen werde.)

Die Sache ist nur: Eltern müssen keine „künstlichen“, unauthentischen Regeln und Grenzen schaffen, damit ihre Kinder lernen können, mit diesen umzugehen. Es gibt ohnehin sehr, sehr viele „natürliche“ oder authentische Grenzen, und es gibt Regeln, die sich aus diesen Grenzen ergeben, und es gibt „natürlich“ bzw. authentisch vorkommende Konsequenzen. All dies ist für ein Kind ohnehin schon sehr frustrierend. Jeder Mensch hat seine eigene persönliche Grenze, Menschen in Gruppen haben zusätzliche, gruppenspezifische Grenzen. Dazu kommen noch Grenzen von anderen Lebewesen, mit denen wir interagieren, Grenzen der Umwelt (Stichwort Ökologie), physikalische Grenzen und viele mehr. Gerade in der Stadt sind die Freiheiten von Kindern ohnehin stark eingeschränkt. Das ist schon ein großer Haufen Grenzen, und damit verbunden sind viele Regeln und Konsequenzen. Zusätzliche, künstlich geschaffene sind schlicht nicht nötig.

Was ist nun eine unauthentische Grenze, was eine authentische? Mein Sohn ist gerade (wieder) sehr begeistert von Wasser. Er möchte sehr häufig am Tag mit Wasser spielen, vor allem sobald er ein Waschbecken, das Trinkwasser der Hunde oder eine Tasse mit Wasser darin sieht. Nun ist meine Grenze, dass ich nicht mehrmals am Tag nass werden möchte, und dass ich nicht möchte, dass der Parkettboden ständig nass wird. Genauso möchte ich, dass auch viele andere Gegenstände nicht nass werden, wenn es ihnen schaden könnte oder sie dadurch kaputt gehen könnten. Mir ist ebenso wichtig, dass seine Kleidung nicht mehrmals am Tag nass wird, da ich nur eine begrenzte Anzahl von Wechselklamotten für ihn habe. Das sind schon sehr, sehr viele Grenzen. Nun hat er aber auch seine persönliche Grenzen: Ich habe kein Recht, ihm diesen Spaß zu verbieten und somit dafür zu sorgen, dass er sehr häufig am Tag fürchterlich weinen würde, bis er letztlich aufgäbe, und ich ihm damit ein Stück Wissbegierde und sehr viele Lernerfahrungen kaputt gemacht hätte. Denn das ist ja das, was er möchte: Er möchte lernen, was Wasser ist und wie es funktioniert. Er möchte mich nicht ärgern oder manipulieren. Wenn ich aus den gerade genannten authentischen Grenzen schließen würde, dass er gar nicht mit Wasser spielen dürfte oder nur viel seltener, als er das möchte, würde ich eine künstlich-unauthentische Grenze aufziehen und damit seine Grenzen überschreiten. Die Konsequenz wäre somit eine Strafe, und seine Frustration wäre zu hoch, als dass er lernen könnte, mit dieser umzugehen.

Also suche ich nach Lösungen, die weder seine noch meine Grenzen überschreiten. Er spielt sehr viel in der Badewanne, aber nur mit 5–10 cm Wasser, da mir auch Ressourcenschonung wichtig ist. (Ich verbrauche durch die Stoffwindeln schon genug Wasser.) Zusätzlich hat er eine Art „Wasserstation“ im Spielzimmer. Es gibt dort eine abwischbare, große Krabbelmatte, in die Mitte habe ich ein paar große Badetücher platziert. Wenn er in der Küche z. B. das Wasser aus dem Hahn laufen sieht und damit spielen möchte, sage ich ihm: „Okay, wir gehen ins Spielzimmer, und da kannst du mit Wasser spielen.“ Anfangs war er noch frustriert, weil ich ihn im ersten Moment vom Wasser weggenommen habe, aber er hat relativ schnell gelernt, dass ich ihm eine alternative Möglichkeit gebe, mit Wasser spielen zu können. Ich ziehe ihm noch schnell seine Klamotten aus, und auf die Tücher stelle ich ihm dann eine große Schüssel mit Wasser. Dazu hat er noch diverse wassertaugliche Spielzeuge. Er ist zufrieden, weil er mit Wasser spielen kann. Und ich bin zufrieden, weil weder ich noch der Boden noch seine Klamotten nass werden, und ich kann dann entweder mitspielen oder habe etwas Zeit, in der ich etwas erledigen oder mich auch einfach ausruhen kann. Am Wasch-/Spülbecken spielt er auch öfter, aber da es dort wieder mehr Grenzen gibt (ich und der Boden werden dabei häufiger nass, manchmal liegen potentiell gefährliche Gegenstände wie Messer in der Nähe des Spülbeckens usw.), biete ich ihm meist seine Spielstation an, und meist lässt er sich auf diesen Kompromiss ein. Desweiteren wünsche ich mir natürlich, dass er ein Verständnis dafür entwickelt, warum Spielen mit Wasser nicht immer und überall möglich ist. Also erkläre ich ihm die authentischen Grenzen von mir und anderen Personen. Aber nicht mit „Das macht man nicht“, denn er kennt diesen „man“ ja gar nicht. Ich bleibe stattdessen bei mir: „Der Boden geht durch Wasser kaputt, und ich möchte, dass der Boden heil bleibt.“ Auch wenn er jetzt noch nicht so viel versteht, wird er es mit der Zeit immer besser verstehen, sodass ich dann noch mehr erklären werde („Warum geht der Boden kaputt?“, „Warum möchtest du, dass er heile bleibt?“ ;) ), aber auf jeden Fall versteht er jetzt schon meinen Ton. Ich möchte ihn nicht bestrafen, ich möchte ihm nicht den Spaß verderben. Ich kann sehr gut verstehen, dass ihn das frustriert, und ich möchte ihm eine Alternative bieten. All das kann ich durch meinen Ton vermitteln.

Diverse Konflikte im Alltag können so behandelt werden. Wenn die Kinder laut sind, wenn sie die Wand anmalen wollen, wenn sie einen selbst oder andere verletzen – bei all diesen Konflikten sind die Fragen: Was ist meine Grenze? Was sind die Grenzen anderer beteiligter Personen? Und ganz wichtig, aber leider oft ignoriert: Was ist die Grenze des Kindes? Genauso betrifft das auch die Wünsche und Hoffnungen aller Beteiligten. Mit dem Wissen über die jeweiligen Grenzen und Wünsche kann dann überlegt werden, welche Möglichkeiten es gibt, einen Kompromiss zu finden. Je älter das Kind wird, umso mehr Kommunikation erfordert dies. Und von Anfang an erfordert es viel Reflexion, Einfühlungsvermögen und auch Kreativität bezüglich Lösungsansätzen. Das ist nicht einfach, aber im Endeffekt bedeutet es viel, viel weniger Kampf, was ich als eine große Erleichterung im Alltag empfinde. Und das alles hat nichts mit Erziehung zu tun. Diesen Umgang mit Konflikten wünsche ich mir für alle Menschen und Zusammenschlüsse von Menschen. Das ist auch eine großartige Möglichkeit, Kinder auf ihre Zukunft vorzubereiten. Denn die Fähigkeit Konflikten mit Ruhe, Reflexion, Kommunikation und Kompromiss- bzw. Konsensfindung begegnen zu können, ist eine, die einen sehr weit bringen kann, und zwar in sämtlichen Lebensbereichen.

Wie wird jedoch meistens mit Konflikten umgegangen? Der Alltag in den meisten Familien ist, dass die Macht der Eltern den Kindern aufgezwungen wird. Und wir haben sehr viel Macht, gerade über die Jüngsten. Ich könnte meinen Sohn körperlich davon abhalten, mit Wasser zu spielen (oder: laut zu sein, die Wand anzumalen usw.), ohne ihm eine Alternative zu bieten. Sollte er doch einmal an Wasser herankommen, z. B. an das Trinkwasser der Hunde, könnte ich ihn anschreien und bestrafen. Oder ich könnte etwas tun, was für sanfte Erziehung gehalten wird: Ich könnte ihn davon ablenken, mit Wasser zu spielen. Aber was würde er daraus lernen? Er würde zum einen lernen, dass mein Bedürfnis, mein Wille wichtiger sind als sein Bedürfnis und sein Wille. Er würde lernen, dass manche Menschen mehr wert sind als andere. Er würde bei der „sanften Erziehung“ lernen, dass Menschen andere Menschen manipulieren dürfen. Und dass die, die auf irgendeine Art und Weise mehr Macht haben, diese Macht gegenüber Schwächeren ausnutzen dürfen. So sieht zwar tatsächlich die Welt gerade aus, aber ich wünsche mir eine bessere Welt. Mein Sohn wird noch früh lernen, dass andere nach diesen Prinzipien leben. Aber er wird dann wissen, dass dies nicht so sein muss. Dass es auch eine Alternative gibt zu dem, was alltäglich in unserer Gesellschaft abläuft. Und er wird wissen, dass diese Alternative tatsächlich funktioniert.

Somit ist das dann auch die Antwort auf so typische Fragen wie: „Aber was ist, wenn das Kind auf die Straße läuft?“ Ich sehe es nicht als Erziehung an, mein Kind vor dem Tod zu schützen. So wie ich eine*n Freund*in davon abhalten würde, vor ein Fahrzeug zu rennen, würde ich das auch genau so bei meinem Kind tun. Natürlich ist die Situation bei Kleinkindern eine besondere: Sie lernen erst, was Fahrzeuge sind, und dass sie sehr gefährlich sein können. Die Erklärung dessen ist auch keine Erziehung. Erziehung wäre es, wenn geschimpft statt erklärt wird, wenn unzureichend erklärt wird („Das macht man nicht. Das gehört sich so.“), wenn die Grenze des Kindes überschritten wird, indem es dazu gezwungen wird, einen die ganze Zeit an der Hand zu halten bzw. direkt neben einem zu laufen, wenn es für ein gedankenloses Auf-die-Straße-zulaufen geschimpft wird usw. Das sind unauthentische Grenzen und Konsequenzen, die ein Kind noch viel mehr einschränken, als es Fahrzeuge und Straßen ohnehin schon tun.

Eine Grenze, die im jetzigen Augenblick authentisch und wichtig ist, muss dies jedoch nicht bleiben. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir unsere Grenzen immer wieder hinterfragen, da sie zwar manchmal durchaus authentisch sind, aber dennoch das Leben anderer stark einschränken oder andere belasten. Ein etwas überzeichnetes Beispiel: Wenn ein Elternteil extrem empfindlich bezüglich Lärm, Unordnung und/oder Dreck ist, dann schränkt das ein Kinderleben sehr stark ein und ein Kind kann sich nicht mehr frei entfalten und kann sich nicht zu Hause fühlen, wenn es den ganzen Tag leise sein soll und nicht richtig spielen kann, weil es keine Unordnung produzieren darf. Also ist es wichtig, da eine Lösung zu finden. In dem Fall kann die Lösung teilweise aber nur darin liegen, dass das Elternteil einen entspannteren Umgang mit Lärm etc. findet. Es gibt zwar auch andere Kompromissmöglichkeiten, wie z. B., dass das Kind sich wenigstens in seinem/einem Zimmer frei entfalten kann, aber da es sich schließlich auch überall wohlfühlen soll, bringen diese Regeln nur bedingt Erleichterung. Für mich ist das klar, dass Erwachsene da die Aufgabe haben, ihre Grenzen zu hinterfragen, da dies gerade für jüngere Kinder noch nicht so leicht möglich ist, und gerade für Eltern ist dies eine Aufgabe, da sie den Entschluss gefasst haben, das Kind zu bekommen bzw. nicht wegzugeben. Damit tragen sie Verantwortung für das Wohl des Kindes, und diese Verantwortung beinhaltet die Reflexion des eigenen Verhaltens. Wenn ein Kind älter wird, kann man es natürlich auch durchaus dazu einladen, eigene Grenzen zu hinterfragen, so wie man das auch bei Freund*innen kann.

Was ist nun der Unterschied zu antiautoritärer Erziehung? Bei dieser werden zwar keine Vorgaben gemacht, aber (in der strikten Form) auch keine authentischen Grenzen kommuniziert. Weil es sich eben um Erziehung handelt, sich Erwachsene also ausgedacht haben, was für Kinder das Beste sein könnte, und sich nun künstlich-unauthentisch verhalten, um das Erziehungsziel zu erreichen, werden die Kinder wieder in eine Richtung gedrängt. Der respektvolle Umgang mit authentischen Grenzen wird nicht vorgelebt. Zumindest was die Definition angeht. Bezüglich des tatsächlichen Alltags wurde das nicht immer so streng gelebt, und ich habe den Eindruck, dass manche mit ihrer Auslegung der antiautoritären Erziehung dem Unerzogen-Konzept durchaus sehr nahe waren. Was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass die Grundannahme eine andere ist als bei den meisten anderen Erziehungsformen. Es wird bei antiautoritärer Erziehung davon ausgegangen, dass Kinder so, wie sie sind, richtig sind, und sie werden in ihrer Entfaltung und Wissbegierde nicht eingeschränkt.

Unerzogen wird häufig auch mit Vernachlässigung gleichgesetzt, weil Erziehung als Grundrecht wahrgenommen wird. Doch wenn man sich tatsächliche Fälle von Vernachlässigung einmal ansieht, stellt man fest, dass da meist sogar sehr massiv erzogen wird. Mit den Kindern wird sich zwar kaum beschäftigt, aber wenn doch, dann werden Befehle erteilt, es wird geschimpft, und oft wird der Wille auch mit körperlicher Gewalt durchgesetzt. Wohingegen hinter Unerzogen, wie oben beschrieben, viel Mühe steht. Wobei ich denke, dass wir, die selbst erzogen wurden und oft nicht so recht wissen, wo unsere authentischen Grenzen eigentlich liegen und wie wir sie verteidigen können, ohne die Grenzen anderer zu überschreiten, dass wir es erst einmal am schwierigsten haben. Für unsere Kinder wird Unerzogen viel intuitiver sein, und somit haben sie dann nicht ganz so viel Arbeit.

Ich habe den Eindruck, das Konzept „Unerzogen“ ist leichter anhand von Beispielen verständlich, weswegen ich einmal ein paar Fragen bzw. Aussagen aufgreifen möchte, um daran deutlich zu machen, was Nicht-Erziehen und Erziehen jeweils bedeutet. Die Fragen/Aussagen sind aus Internet-Diskussionen.

„Hat es nicht auch was mit Respekt anderen gegenüber zu tun, wenn ich meinem Kind ‚Nein‘ sage, wenn es während der Hochzeitsrede eines Bräutigams weiter laut krakeelend durch den Saal tobt?“

Grundsätzlich finde ich es schade, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sehr wenig auf die Bedürfnisse von Heranwachsenden eingeht und ihnen permanent abverlangt, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu benehmen. Damit wird auch ein enormer Druck auf Eltern ausgeübt. Nun, wenn ich mich mit meinem Kind in einer solchen oder ähnlichen Situation wiederfinden würde, würde ich zunächst schauen, ob es denn wirklich jemanden stört. Je nach Anzahl der Menschen, ist das natürlich nicht immer so leicht feststellbar, aber ich denke, meistens spürt man das doch ganz gut, welche Emotionen einem entgegen schlagen, ob die Mitmenschen amüsiert sind, ob sie es vielleicht kaum wahrnehmen oder ob sie sich dadurch gestört fühlen. Oft habe ich aber festgestellt, dass ich mir übertriebene Sorgen gemacht habe.

Wenn dem aber nicht so ist und es tatsächlich Menschen stört, dass mein Kind Kind ist, würde ich schauen, wie die Situation so lösbar ist, dass alle zufrieden sind, inklusive meinem Kind. Ich sehe keinen Grund dafür, die Bedürfnisse meines Kindes hinter die Bedürfnisse anderer Menschen zu stellen und meinem Kind einfach „Nein, du darfst das nicht“ zu sagen. Je nach Alter kann man mit dem eigenen Kind kommunizieren und die Situation erklären, und in jedem Alter kann man schauen, welche Bedürfnisse hinter dem Verhalten liegen, und Alternativen bieten. Vielleicht ist mein Sohn laut, weil ihm langweilig ist. Dann kann ich ihm verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Vielleicht ist er laut, weil er eigentlich schon ziemlich müde und überreizt ist. Dann kann ich ihm Möglichkeiten geben, zur Ruhe zu kommen, vielleicht in einem anderen Raum, in der Trage, im Kinderwagen oder auf meinem Schoss. Vielleicht möchte er aber auch tatsächlich gerade einfach mit seinen Stimmbändern herumexperimentieren. Dann werde ich ihn bitten, das in einem anderen Raum bzw. draußen zu tun, und sollte er noch sehr jung sein, gehe ich mit ihm zusammen raus. Würde ich ihm einfach nur „Nein“ sagen, würde ich seine Langeweile oder seine Müdigkeit oder seine Neugierde und Lebensenergie unterdrücken. Dabei habe ich ihn überhaupt erst in die Situation gebracht, in der er sich nicht frei entfalten kann. Er kann nichts dafür, dass ich zu dieser Hochzeit gehen wollte, er kann nichts dafür, dass der Bräutigam eine Rede halten möchte, und er kann nichts dafür, wenn die Gesellschaft eine nicht sehr kinderfreundliche ist. Somit ist auch das Verlassen der Veranstaltung eine Option, wenn nichts hilft.

Nun geht es dabei aber ja auch oft darum, dass Kinder für die Zukunft lernen sollen, in gewissen Situationen ruhig zu sein. Ich vertraue jedoch darauf, dass mein Kind das mit dem Alter ohnehin lernen wird. Ich vertraue darauf, dass Menschen kooperative und empathische Wesen sind, die durch Beobachtung lernen. Ich lebe meinem Sohn vor, dass ich in gewissen Situation, in denen es wichtig ist, ruhig bin, genauso wie die meisten Menschen um uns herum ihm das vorleben. Ich gehe nicht davon aus, dass er mit 30 Jahren auf einer Hochzeit krakeelend durch den Saal toben wird, weil ich ihm, als er drei war, nicht „Nein, das darfst du nicht!“ gesagt habe. Ich gehe davon aus, dass es normales kindliches Verhalten ist, das für ein Bedürfnis steht, aber dass Heranwachsende mit der Zeit lernen, ihre Bedürfnisse auch anders zu äußern. Ich gehe davon aus, dass es ausreicht, wenn ich mit zunehmenden Alter erkläre, warum was wann wem wichtig ist, wenn ich ihm Alternativen biete und wenn ich ihm entsprechendes Verhalten vorlebe. Sollte er dennoch später seine Probleme damit haben, in gewissen Situationen ruhig zu sein, vertraue ich darauf, dass er solche Situationen dann meiden wird, da sie ihm wahrscheinlich eher wenig Freude bereiten werden.

„Ich finde, ein Kind kann durchaus während des Essens mit seinem Hintern mal sitzen bleiben. Das machen sie nicht von allein, klar, das ist Erziehung.“

Ich würde sagen, dass bei dieser Aussage eine nicht sehr respektvolle Haltung gegenüber Kindern durchscheint. Es scheint davon ausgegangen zu werden, dass Kinder aus einer bösen Absicht heraus nicht ruhig während des Essens am Tisch sitzen. Dabei steht, wie gesagt, immer ein Bedürfnis dahinter. Ich persönlich verlange nicht von meinem Kind, dass es beim Essen still am Tisch sitzt, genau so wenig, wie ich das von anderen Menschen verlange. Bzw. kann ich es nicht verlangen, ich habe kein Recht dazu. Mehr zu dem Thema:

„Wenn der Kleine während dem Essen aufspringt und spielt, will die Große auch nicht mehr, und dann haben beide schlussendlich fast nichts gegessen und nach zwei Stunden wieder Hunger.“

Dann ist das so, und dann haben sie nach zwei Stunden wieder Hunger. Wenn sie das stört, werden sie mit der Zeit daraus lernen und am Tisch bleiben, bis sie satt sind. Diese selbstgemachte Erfahrung ist letztlich viel stärker und langanhaltender als ein von den Eltern erzwungenes Verhalten. Vielleicht können oder wollen sie aber auch einfach nicht mehr essen, und sie dann unter solchen Umständen dazu zu zwingen, entweder mehr zu essen oder gelangweilt am Tisch zu sitzen, halte ich für sehr problematisch. Ich denke, dass solche Zwänge ein ungesundes Essverhalten fördern. Die meisten Kinder essen ohnehin lieber in kleinen Portionen. Teilweise liegt das wahrscheinlich an dem erst langsam wachsenden Magenvolumen, teilweise liegt es aber auch an ihrer Begeisterung für andere Dinge. Manche Menschen essen ihr Leben lang lieber in mehreren kleineren Portionen. Manchmal essen Kinder phasenweise auch sehr wenig, aber wenn ein Wachstumsschub bevorsteht, essen sie wieder sehr viel. Ich vertraue meinem Kind und seinem Körper, ich vertraue darauf, dass es weiß, wie viel Essen es braucht bzw. dies schnell durch Erfahrung lernen wird. Ich vertraue darauf, dass sein Selbsterhaltungstrieb ausgeprägt ist. Sollte mein Kind tatsächlich zu wenig essen, gibt es zwanglose Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich kann mich fragen, womit das zusammenhängt, z. B. mit Stress vielleicht, ich kann schauen, was meinem Sohn schmeckt. Wenn es eine ganze Weile lang ein und dasselbe Gericht ist, ist das auch nicht schlimm. Und ich kann selbst ein (möglichst) gesundes Essverhalten vorleben.

Oft steckt ja eigentlich einfach unser persönlicher Wunsch hinter einem Gebot oder Verbot, wobei wir das gerne verschleiern, indem wir darüber sprechen, dass all diese Dinge für das Kind und seine Zukunft seien. Unsere Kinder können mit diesen komplexeren Konzepten von „Benimm“ oder „Zukunft“ noch nicht sehr viel anfangen, sie können uns besser verstehen, wenn wir authentisch sind und bei uns bleiben. Wenn ich nicht möchte, dass z. B. Essen in der ganzen Wohnung verteilt wird, weil ich mein Leben nicht putzend verbringen will, dann ist das ein völlig verständlicher Wunsch bzw. eine persönliche Grenze. Und genau das kann ich dem Kind auch kommunizieren. Nicht „Du darfst das nicht“, sondern „Ich möchte nicht so viel putzen, und deswegen möchte ich nicht, dass Essen überall in der Wohnung verteilt wird.“ Dann können wir gemeinsam schauen, welche Lösungsmöglichkeiten es gibt. Ich handhabe das mit meinem Kleinkind so, dass es am Tisch so viel rummatschen und spielen kann, wie es mag, weil das ja schließlich eine Lernerfahrung ist. Im Rest der Wohnung möchte ich jedoch, dass mein Sohn nur Dinge isst, die (relativ) sauber essbar sind, oder sich von mir füttern lässt. Wenn er aber doch das Bedürfnis hat, mit dem Essen zu spielen, setze ich ihn einfach in seinen Hochstuhl. Wir fahren sehr gut und größtenteils ohne Stress damit. Später wird mein Sohn immer weniger Chaos beim Essen produzieren, bzw. vertraue ich auch hier wieder darauf, dass das Matschen mit dem Essen mit der Zeit uninteressanter wird, vor allem, wenn er es früh ausleben kann, und er sich immer mehr daran orientieren wird, wie die Menschen um ihn herum essen. Er tut es ja schon, seitdem er mit am Tisch isst: Er musste nie Besteck benutzen, aber er wollte das ziemlich von Anfang an, weil er sich das bei den anderen Menschen am Tisch abgeguckt hat. Und so sitzt er da und übt den Umgang mit Löffel und Gabel, obwohl er mit den Händen schon längst mehr hätte essen können. Wenn er einen Löffel hat, andere aber mit der Gabel essen, dann möchte er oft auch eine Gabel haben. Ich bin begeistert davon, und es bestätigt mich in meinem Vertrauen in ihn.

„Im wahren Leben kann man auch nicht immer das tun und lassen, was man will. Also kann man seinen Kindern durchaus beibringen, dass es Regeln gibt. Weil die gibt es nun mal, wenn nicht im Elternhaus, dann spätestens in der Schule oder am Arbeitsplatz.“

Ja, es gibt immer Regeln, die aus persönlichen Grenzen resultieren, und häufig künstlich-unauthentische Regeln. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass mein Kind mit 15 oder 20 Jahren die Regeln eines Arbeitsplatzes nicht verstehen und annehmen wird, nur weil ich ihm jetzt nicht die gleichen Regeln aufzwinge. Ich habe meine Grenzen und vermittle sie, genauso wie ich die Grenzen anderer Menschen, Lebewesen usw. vermittle, wenn nötig. Und dadurch wird er lernen, dass es viele, teilweise sehr unterschiedliche Grenzen gibt, und ich bin zuversichtlich, dass er dadurch auch die individuellen Grenzen verschiedener Menschen respektieren können wird. Nur die künstlich-unauthentischen Grenzen und Regeln wird er wahrscheinlich manchmal nicht annehmen, so wie ich sie auch manchmal nicht annehme, da sie meine Grenzen überschreiten. (Die Regeln an der Schule sind wiederum ein Thema für sich, da Schule in Deutschland meines Wissens die einzige Institution ist, in der über einen langen Zeitraum hinweg verweilt werden muss, ohne vorher eine Straftat begangen zu haben oder für sich und seine Mitwelt gefährlich zu sein.)

Ich hoffe, dass dies einen Überblick gibt über das, was Unerzogen ist und nicht ist. Es gibt sehr viel Online- und Offline-Literatur zu dem Thema, aber da ich mich selbst da noch hindurchkämpfe und schaue, was ich für wirklich empfehlenswert halte und was nicht, werde ich zu späterer Zeit Tipps geben. Die nicht-erziehenden Leser*innen können mir und anderen Leser*innen sehr gerne Tipps im Kommentarfeld geben! :)

P.S.: Ursprünglich wollte ich in diesem Post auch auf die Unterschiede zwischen sogenannter permissiver bzw. Laissez-Faire-Erziehung und Unerzogen eingehen, aber bei meiner Recherche zu diesen Schlagwörtern und meiner Diskussion mit anderen, habe ich festgestellt, dass das Thema einen eigenen Post verdient.

Kommentare:

  1. Interessant, ich wusste bis jetzt nicht, dass mein Kind unerzogen ist. Eigentlich dachte ich, dass gerade einen Ausgleich zwischen den Interessen des Kindes und den Grenzen Anderer zu finden und sie dem Kind zu erklären Erziehung sei.

    Allerdings erklärt das vermutlich meine Bauchschmerzen beim Thema Kita, wo ich das Gefühl habe, die Kinder werden einfach nur in eine Form gepresst.

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  2. Literaturvorschläge u.a.:
    - Thomas Gordon: Die neue Familienkonferenz
    - Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation

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